Die Geschichte von St. Nikolai in Hamburg - Teil 1

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1195 bis 1842 - Die mittelalterliche Pfarrkirche St. Nikolai

Wenige Jahre nach Gründung einer „Neustadt“ durch Adolf III von Schauenburg auf den Trümmern der „Neuen Burg“ jenseits der bischöflichen Burg mit dem Dom, verlangten die neu angesiedelten Bürger nach einer eigenen Kirche. Graf Adolf ließ daraufhin eine kleine Kapelle von ca. 12,0 x 26,0 m errichten, in der damals – man stand oder kniete während des Gottesdienstes – ca. 300 Personen Platz fanden.
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Das war 1195, etwa sechs Jahre nachdem der Deich zur Neustadt und Altstadt trennenden Alster hin mit den ersten Häusern zur Landseite (die heutige Deichstraße) aufgeschüttet worden war. Diese Kapelle wurde dem hl. Nikolaus geweiht, einem Bischof von Myra in Lykien (Klein-Asien), von dem berichtet wird, dass er als Handel treibender Seefahrer viele Menschen aus Seenot gerettet und den Armen durch großzügige Gaben geholfen habe. Ihn hatten sich deshalb die neuen Bürger – selbst Kaufleute und Seefahrer – als Schutzheiligen erkoren. Viele Kirchen an den Küsten Norddeutschlands wurden damals diesem Heiligen geweiht.

In den folgenden Jahrhunderten wurde dieser Bau immer wieder vergrößert, den Schalen einer Zwiebel gleich. Die erste Erweiterung in den Jahren zwischen 1240 und 1250 fasste die Kapelle ein und nutzte sie als Chorraum. Drei Schiffe mit je drei Jochen bildeten einen annähernd quadratischen Grundriss. Das etwa 22 m hohe Mittelschiff war nur unwesentlich breiter als die Seitenschiffe und auch nur leicht höher als diese, so dass eine gleichmäßig überwölbte „Halle“ die natürlich deutlich niedrigere ehemalige Kapelle ergänzte.
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Etwa 150 Jahre später, zwischen 1384 und 1400, folgte eine zweite Erweiterung um ein Hallenjoch und einen durch zwei gleich hohe Kapellen eingefassten Turmsockel. 1500 Besucher konnten nun an den hohen kirchlichen Feiertagen Platz finden.
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In den Jahren 1400 bis 1425 wurde dann die letzte Erweiterung vorgenommen mit einem Umbau der alten Kapelle durch eine neue Apsis mit Kapellenanbauten. Und als sozusagen letzte „Zwiebelschale“ folgte eine Reihe von weiteren Anbauten, eine Sakristei mit „Herrensaal“ sowie weiteren Kapellen mit zuletzt 22 Altären! Darüber hinaus lehnten sich eine Reihe von Wohn- und Werkstattbauten mit ihrer Rückwand gegen die Kirchenwände, so dass der Bau zuletzt aus einem Gewirr von Giebeln und Dächern herausragte.
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Alle Um- und Anbauten wurden mit demselben Material ausgeführt, dem nordischen Backstein, der in der frühen Phase noch ungekünstelt zu einfachen Formen führte, was sich besonders bei den in frühen Jahren noch freistehenden, nur durch Strebepfeiler gegliederten Außenwänden zeigte. Darin unterschied sich St. Nikolai nicht von den anderen Pfarrkirchen der Altstadt. Während jedoch diese ihre ebenfalls als „Hallen“ aufgeführten Kirchenschiffe unter einem hoch aufragenden Satteldach bargen, bekam St. Nikolai für jedes Schiff eines, was in den letzten dreihundert Jahren zu der für diese Kirche typischen Westfassade mit einem durch zwei Giebel eingefassten Turm führte und ihr den heute noch durch zahllose Stiche bekannten eigenwilligen Charakter verlieh.
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Einen Turm erhielt die Kirche erst spät (1517). Blitzschläge und Feuer, durch bauliche Mängel verursachter Einsturz führte dann aber gleich zu weiteren Turmbauten, wie aus den Stadtansichten aus verschiedenen Jahrhunderten zu sehen ist.
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Dem ersten etwas gedrungen wirkenden Turm folgte 1593 ein zweiter, den 1656/57 der heute noch bekannte schlanke, fast 128 m hoch aufragende barocke Turm von Peter Marquardt ablöste. Alle Türme besaßen ein Uhrwerk, das immer so hoch angebracht war, dass es von ganz Hamburg aus sichtbar war und so als „Normaluhr“ für die Hansestadt galt.
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Dieser letzte Turm blieb bis zum Nachmittag des 5. Mai 1842, als der von der Deichstraße ausgehende „Große Brand“ auch St. Nikolai erfasste. In nur vier Tagen brannte in der Folge etwa ein Drittel der gesamten Stadt nieder, von der Kirche standen nur noch der Turmstumpf und ein Teil der Außenmauern.
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Alles wurde abgebrochen und einer Neuordnung des Hopfenmarktes und der angrenzenden Straßen geopfert. Für eine neue Kirche wurde ein Bauplatz etwas weiter östlich ausgewiesen. Heute erinnern nur noch die in vielen Hamburger Häusern noch vorhandenen Stiche und wenige zeitgenössische Berichte an diese einstmals größte Hamburger Pfarrkirche im hohen Mittelalter mit ihrem schlanken barocken Turm.
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Gerhard Hirschfeld