Die Geschichte von St. Nikolai in Hamburg - Teil 2

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1842 bis 1943 - Die historistische Kathedrale St. Nikolai

Nach der Zerstörung der historischen Pfarrkirche St. Nikolai beim großen Hamburger Brand von 1842, reiste aus Dresden der Architekt Gottfried Semper an, um seiner Heimatstadt zu helfen. Seine Ideen für den Wiederaufbau zielten auf einen schonenden Umgang mit der alten Stadtstruktur. Die Katastrophe sollte nicht ausgenutzt werden, um eine total neue Stadtplanung ins Werk zu setzen. Das urbane Erbe sollte erhalten und nur behutsam modernisiert werden, um nicht den „ehrwürdigen Charakter des uralten Hamburg für die gehaltlose Modernität neuerer Städte zu vertauschen“. In diesem Sinne setzte Semper sich auch dafür ein, die Reste von St. Nikolai zu sichern, zu erhalten und beim Wiederaufbau zu berücksichtigen. Als einer der ersten Architekten verstand Semper sich auch als Denkmalpfleger.
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Doch Semper konnte sich nicht durchsetzen. Zu mächtig war der allgemeine Wille, eine neue Kirche zu bauen. Eine regelrechte Bürgerbewegung für St. Nikolai entstand. Sie veranstaltete eine ebenso innovative wie erfolgreiche Spendensammlung. Jede Person in Hamburg sollte einmal in der Woche, nämlich am Mittwoch, einen Schilling geben. Die Einzelhändler dienten dabei als Sammelstellen. Und tatsächlich, zwei Drittel aller Hamburger Haushalte machten mit. Der Staat versprach für die Deckungslücke aufzukommen. So wurde die Ruine abgebrochen, geräumt und 1844 ein Wettbewerb für die neue Nikolai-Kirche ausgeschrieben.

Wäre dieser Entwurf gebaut worden, hätte Hamburg ein Gegenstück zur Dresdner Frauenkirche erhalten – eine klug konzipierte und traumhaft schöne Kirche, zeitgemäß und traditionsbewusst, groß und schlank, monumental, aber nicht protzig, in sich geschlossen und doch abwechslungsreich, ein Teil der Nachbarschaft und zugleich eine Kirche für die ganze Stadt. Sempers Entwurf stach aus den 44 Einsendungen heraus. Es war nur folgerichtig, dass die Preisrichter ihm den ersten Platz zusprachen. Eigentlich hätten nun die Bauarbeiten beginnen können. Doch Semper und die Preisrichter hatten die Rechnung ohne die interessierte Öffentlichkeit gemacht und vor allem die Wirkung eines Bauprojekts im fernen Köln unterschätzt.
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Am 4. September 1842, als in Hamburg immer noch einige letzte Reste des Großen Brandes rauchten, legten der Erzbischof und der preußische König in Köln den Grundstein für die Vollendung des Doms. Eine das ganze Volk erfassende Mittelalter-Begeisterung hatte der seit dreihundert Jahren stillgelegten Baustelle endlich neues Leben eingehaucht. Diese Leidenschaft für alles Gotische strahlte weit aus – bis nach Hamburg. Auch hier wollte man jetzt eine gotische Kathedrale. Als bekannt wurde, dass Semper mit seinem so ganz und gar nicht mittelalterlichen Entwurf den Wettbewerb gewonnen hatte, entbrannte ein öffentlicher Streit. Politisch äußerte sich in der Vorliebe für die Gotik ein junger Nationalismus, der den Glauben propagierte, die Gotik sei ein genuin germanischer Stil und der Spitzbogen sei „deutscher“ als Sempers Rundbogen. Damit verband sich eine kirchliche Erweckungsbewegung, die den Geist der alten Aufklärung aus der evangelischen Kirche vertreiben wollte. Gerade die Gemeinde von St. Nikolai vertrat die Sache eines aggressiven Neuluthertums. Für Sempers vermittelnd-moderne Gedanken hatte sie kein Verständnis. Sie wünschte sich einen mittelalterlichen Dom, als feste Burg gegen alle Versuchungen der Moderne. Deshalb kämpften Erweckungsprediger ebenso wie politische Nationalisten für den konsequent neugotischen Entwurf des jungen, unbekannten Engländers George Gilbert Scott, der im Wettbewerb lediglich auf dem dritten Platz gelandet war. Auch wenn er wesentliche Vorgaben nicht erfüllte, erfüllte er doch ihre Sehnsucht nach einem Kölner Dom in Hamburg. Dem öffentlichen Druck konnte die Kirchenbaukommission nicht standhalten. Sie schloss sich deshalb dem Urteil der Preisrichter nicht an. Stattdessen bat sie einen externen Gutachter um ein Urteil. Eine salomonische Lösung war dies nicht, denn der Gutachter war als entschiedener Befürworter der Gotik bekannt. Es war Ernst Zwirner, der Dombaumeister aus Köln. Es verwunderte niemanden, als er empfahl, Scott den Zuschlag zu geben.
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Die Bauzeit von St. Nikolai betrug 36 Jahre. Nachdem Scott 1844 den Auftrag erhalten hatte, konnte zwei Jahre später der Grundstein gelegt werden. 1859 wurde Richtfest gefeiert, 1863 die Kirche und 1874 auch der Turm geweiht. 1882 war der Bau endlich vollendet – bis auf die große Orgel, die 1891 fertig gestellt wurde. Scotts Kirche, der bedeutendste Sakralbau der Neugotik, war eine dreischiffige Basilika mit einer Länge von 86 Metern, einem Querhaus und drei Chorapsiden. Beherrscht wurde sie von einem ebenso monumentalen wie eleganten Turm, der in der Höhe 147,30 Meter misst und immer noch der fünfthöchste Kirchturm der Welt ist. Neben ihm, fast versteckt, war noch eine kleine Taufkapelle angefügt.
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Der Innenraum war ganz auf den Altar ausgerichtet – nicht auf die Kanzel. Der kostbare Hochaltar war aus Marmor. Er war umsäumt von Standbildern Jesu Christi und der Apostel, die an den Pfeilern des Altarraums angebracht waren. Der Fußboden war aus Marmormosaiken, darüber lag ein Festteppich, den „Damen der Gemeinde“ geknüpft hatten. Die Kanzel am nördlichen Vierungspfeiler war zwar von vielen Plätzen aus schlecht zu sehen, dafür aber aufwendig aus weißem Marmor und farbigen Marmorsäulen gestaltet. Die Fenster der Kirche boten konventionelle Bilder aus dem Leben Jesu. Interessant war aber ein Figurenfries, der außen um die Kirche laufen sollte, aber nur zur Hälfte realisiert wurde. Er sollte nämlich nicht nur Gestalten aus der biblischen Heilsgeschichte, sondern auch Personen aus der Kirchen- und christlichen Kulturgeschichte vorstellen. Theologen, Wissenschaftler, Erfinder und Künstler wie Martin Luther, Johannes Calvin, Friedrich Schleiermacher, Johannes Kepler, Albrecht Dürer, Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel oder Johannes Gutenberg sollten dadurch in den Rang nachbiblischer Apostel erhoben werden. Die Kirche wollte also nach außen hin einen protestantischen Heiligenkalender (im Unterschied zum katholischen Vorbild kamen in ihm übrigens keine Frauen vor) bieten, der eine Ahnung davon vermitteln sollte, wie Heils- und Weltgeschichte sich durchdringen und das von Jesus verkündigte Reich Gottes sich auf dieser Erde ausbreitet. Mit diesem Bildprogramm sollte die Kirche zu einem Erinnerungsort für die ganze Stadt werden. Dadurch rückte sie in große Nähe zu Museen und Denkmälern, ein für das 19. Jahrhundert typisches Phänomen.
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Johann-Hinrich Claussen