Die Geschichte von St. Nikolai in Hamburg - Teil 3

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1943 bis heute - Kriegszerstörung und Mahnmal

Es war der Turm von St. Nikolai, der den Untergang Hamburgs unfreiwillig einleitete, und es war dieser Turm, der die Zerstörung seltsamer Weise überstand. Es ist eine böse Paradoxie, dass dieses höchste Gebäude der Stadt – von einem Engländer gebaut – fast einhundert Jahre nach dem Großen Brand englischen Kriegsflugzeugen als Zielmarke diente. Als sie ihre nächtlichen Angriffe auf Hamburg flogen, wählten sie den Turm von St. Nikolai als Orientierungspunkt. Es sollte die bis dahin schlimmste Bombardierung einer deutschen Stadt werden. Sie nahm das an, was man in Ermangelung anderer Wörter als „biblisches Ausmaß“ bezeichnete, und erhielt folgerichtig den Namen „Operation Gomorrha“.

Vom 24. bis zum 29. Juli 1943 flog die Royal Air Force in massiven Wellen fünf Nachtangriffe, die von zwei Angriffen am Tage durch die United States Air Forces abgewechselt wurden. Um die deutsche Radarabwehr auszuschalten, ließ sie zunächst Staniolstreifen herabregnen. Es war den Hamburgern, als ob „Schwefel und Feuer“ vom Himmel fiele – wie damals in Sodom und Gomorrha. Danach warfen die alliierten Kampfflieger über dem Hafen, der Innenstadt und weiten Wohngebiete – vor allem den Arbeitergebieten östlich der Alster – insgesamt etwa 18.000 Tonnen Bombenmaterial ab. Es war aber nicht die bloße Menge, sondern die fatale Kombination aus Spreng- und Brandbomben, die zu nicht gekannten Verheerungen führte. Zunächst wurden „Blockbuster“ eingesetzt, welche die Häuser aufbrachen, anschließend entfachten Phosphorbomben einen Feuersturm, der zeitweilig eine Höhe von 6.000 Metern erreichte. Die ganze Stadt wurde zu einem einzigen Vulkan, einem Schlot, einem riesigen Kamin, in dem Orkanwinde die heiße Luft so nach oben trieben, dass am Boden ein Unterdruck entstand, der wiederum Sauerstoff ansaugte und so wie ein Brandbeschleuniger wirkte.
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Etwa 34.000 Menschen wurden in diesem Feuersturm getötet, viele verbrannten oder erstickten innerhalb weniger Sekunden. Es wurden circa 40.000 Wohnhäuser mit 263.000 Wohnungen zerstört, das heißt, dass etwa die Hälfte aller Hamburger Wohnungen vernichtet worden waren. Vor allem der Osten Hamburgs bestand nur noch aus weiten Todeszonen. Es ist immer noch kaum zu fassen, wie der hohe, schlanke Turm von St. Nikolai stehen bleiben konnte, obwohl weite Teile des Kirchenschiffs schwer beschädigt wurden.
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Als man nach Kriegsende in Hamburg an den Wiederaufbau ging, stellte sich auch die Frage, was mit St. Nikolai geschehen sollte. Denkmalschützer hatten unter schwierigsten Bedingungen die Trümmer gesichert und gesichtet. Doch gegen einen Wiederaufbau dieser Kirche gab es erheblichen Widerstand. Eine um Authentizität bemühte Rekonstruktion vor allem des neugotischen Werksteinschmucks hielt man für unbezahlbar, aber auch ästhetisch und denkmalpflegerisch für unbefriedigend.
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Lange drückten sich die Verantwortlichen in Stadt und Kirche um eine Entscheidung herum. Der Kirchenvorstand schlug vor, die Ruine als ein Mahnmal zu nutzen. Man dachte daran, in den offenen Chorraum eine kleine Kapelle hineinzubauen. Die Stadt begann aber 1951 schon damit, Mauerreste wegzusprengen. „Nachsprengen“ nannte man dies. In vielen Anläufen wurden der eigentlich gut erhaltene Chor bis zum Hauptgesims sowie die Querschiff- und Langhausmauern bis zur Fenstersohlbank abgerissen. Regelmäßig flammte die Diskussion wieder auf, doch eine historische oder zumindest eine modernisierende Rekonstruktion zu versuchen. Auch kam der Vorschlag auf, St. Nikolai, diese neugotische „Messkirche“, den Katholiken zu übergeben. Doch je mehr Zeit verstrich, umso deutlicher wurde, dass niemand ein echtes Interesse besaß, diese Kirche wieder aufzubauen und einer Gemeinde zur Nutzung zu übergeben. Diesmal blieb – anders als hundert Jahre zuvor – eine Bürgerbewegung zu Gunsten dieser Kirche aus. So wurde St. Nikolai als Kirchengebäude aufgegeben. In einem Briefwechsel zwischen Kirche und Senat fiel sogar das Wort von einer „Endlösung Nikolai“. Sie sah vor, dass Ruine und Turm als Mahnmal erhalten blieben. Zunächst war dies nicht mehr als eine „vom Himmel gefallene Verlegenheit in der Mitte Hamburgs“.
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Inzwischen ist die Nikolai-Ruine aber ein zentraler Ort des Gedenkens für alle Hamburger geworden. Dies ist vor allem dem bürgerschaftlichen Engagement eines Förderkreises zu danken. In der Krypta ist eine Dauerausstellung eingerichtet, wechselnde Ausstellungen und friedenspolitische Veranstaltungen kommen hinzu. Es werden auch regelmäßig Gottesdienste und ökumenische Andachten gefeiert. So haben die Reste der Kirche eine neue, sinnvolle Nutzung gefunden.
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Johann-Hinrich Claussen